Aus dem Merkur plus Nr. 37 – 2001 | ÖKOLOGISCHER WEINBAU

Die Pfälzerin Christine Bernhard setzt neue Maßstäbe – Genuss für alle Sinne

Protest gegen Pestizide ist zu wenig. Es geht darum, ohne Gift gute Erträge zu erzielen und mit der Natur auch Kulturelles zu stärken.

Von BIRGIT OSTERMANN

Das alte gusseiseme Hoftor zum Weingut Janson Bembard ist weit geöffnet. Nicht nur der Name, auch das Fachwerk der Wohn- und Wirtschaftsgebäude mit seinem Fischgrätmuster zeugt von den niederländischen Vorfahren, der mennonitischen Familie Janson, die 1739 nach Harxheim in die Pfalz kam und den Hof aufbaute.

In den alten Stallungen steht längst kein Vieh mehr. Dieser renovierte Komplex ist mit modemster ökologischer Energietechnik ausgestattet und der ganze Stolz von Behiebsleiterin Christine Bemhard. Es kann im Lauf der Jahrhunderte nicht immer alles gleich bleiben. Jede Generation muss sich überlegen, wie sie Traditionen in die heutige Zeit übersetzt, ohne dass die Sprache der Landwirtschaft und der Region verloren geht“, sagt die Chefin und weist auf die Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach, die jährlich etwa 9000 Kilowatt in das öffentliche Stromversorgungsnetz einspeist. Nach elf Jahren hat sich die Solaranlage damit wahrscheinlich finanziert, rechnet Bernhard vor. Geheizt wird mit einer Holz-Pellets-Heizung, die anstelle von fossilen Brennstoffen gepresstes Sägemehl verbrennt und aufgrund der hohen Ausnutzung nur sehr geringe Emissionswerte aufweist.

Seit die Winzerin 1993 den elterlichen Behieb mit etwa zehn Hektar Rebfläche übernornmen hat, hat sich vieles verändert. Dabei wollte Christine Bemhard nach dem Abitur von der Landwirtschaft nichts wissen, zumal nichts von der Legebatterie mit 8.000 Hühnern, die ihr Vater auf Empfehlung der Landwirtschaftskammer in einem riesigen Stall aufgebaut hatte. Ich musste erst mal raus und Klein-Harxheim ade sagen“, erinnert sie sich.

Warenzeichen Ecovin

Ein soziales Jahr in Bielefeld, einige Praktika, ein Semester Theolologie, dann wurde die Tochter geboren, und Christine Bernhard wusste, dass die Verbundenheit mit der Natur stärker war. Also studierte sie zunächst Landwirtschaft mit Schwerpunkt Ökologischer Landbau an der Gesamthochschule Kassel, später Ökologische Umweltsicherung. In der Zwischenzeit arbeitete sie einige Jahre bei einem Bioregionalhändler, wo sie vom selbst gemischten Müsli bis zum professionellen Großhandel alle Entwicklungsstufen des Naturkosthandels miterlebte“.

Und dann hat ,Ecovin‘ mich gerufen“, sagt die heute 42-Jährige. Ecovin“ ist das Warenzeichen des Bundesverbandes Ökologischer Weinbau, dessen Vorsitzende sie seit 1995 ist. Zurück in Harxheim begann sie, zusammen mit befreundeten Ökowinzern den Familienbetrieb konsequent auf ökologische Bewirtschaftung umzustellen. Dabei kam ihr die langjährige Verbandsarbeit fachlich und menschlich zugute.

Schon in ihrer Jugend hatte sie die gängigen Spritzpraktiken im herkömmlichen Weinbau mit kritischen Augen betrachtet, denn sie sah einen Zusammenhang mit den vielen Fällen von Nervenleiden und Krebserkrankungen. Aber ich wollte nicht einfach nur gegen die Spritzerei protestieren, sondern mit einer fundierten Ausbildung in der Prazis zeigen, dass es auch andere Wege gibt.“

Backpulver statt Chemie

Das Weingut Janson Bernhard KGverzichtet seit langem auf chemisch synthetisierte Dünger und Pestizide, weil diese den Menschen und seine Umwelt belasten“, so die überzeugte Ökowinzerin. Trotzdem gibt es ein Spritzfass. Erlaubt sind nämlich Pflanzenbehandlungsmittel auf pflanzlicher, biologischer oder mineralischer Basis. Derzeit hält die Winzerin den Echten Mehltau, eine für Weinreben gefährliche Pilzkrankheit, recht erfolgreich mit Backpulver in Schach.

Das langfristige Ziel des ökologischen Weinbaus ist es, Krankheiten und Schädlinge schon im Vorfeld zu bekämpfen: durch den Aufbau eines stabilen Weinberg-Ökosystems, das sich auf natürlichem Wege selbst reguliert“, erklärt sie draußen in den Weinbergen. Neben einer schonenden Bodenbearbeitung soll eine möglichst artenreiche und tief wurzelnde Begrünung die Struktur des Bodens stärken und damit vor Erosion schützen sowie die Reben – hauptsächlich Riesling mit Nährstoffen versorgen. Rund 70 verschiedene Wildkräuter finden sich in den ökologisch bewirtschafteten Zellertaler Weinbergen. Das vielfältige Pollenangebot, das durch die unmittelbar angrenzende Hecke noch erweitert wird, soll Insekten anlocken und das Gleichgewicht zwischen Nützlingen und Schädlingen stabilisieren.

„Sehen Sie, was andernfalls passiert“, ruft die Chefin und deutet auf die konventionell bearbeiteten Weinreihen des Nachbarn. ,,Chlorose“ lautet das Urteil über etliche gelbe Laubverfärbungen. Das sind Nährstofmangelerscheinungen, die durch Bodenverdichtung hervorgerufen werden können. Eine schonendere Bodenbearbeitung und eine vielseitige Begrünung hätten das vemmutlich verhindern können.“ Schonend heißt aber auch, dass bei der Weinlese keine schweren Erntemaschinen eingesetzt werden, sondem per Hand gearbeitet wird.

Zu Beginn der ökologischen Bewirtschaftung ging es dem Betrieb fnanziell mehr schlecht als recht. Ob im Keller, bei den Maschinen oder den historisch bedeutsamen, aber maroden Gebäuden – überall waren Investitionen dringend erforderlich. Um diesen großen Hof mit der Familie unter den aktuellen Bedingungen wieder zum Leben zu bringen“, bewarb sich Chtistine Bernhard um staatliche Fördermittel, mit denen Betriebe in benachteiligten Gebieten unterstützt werden sollen. Danach erarbeitete sie ein Konzept der ökologischen Weinkultur am Beispiel Zellertal, das den Weinbau mit kulturellen Veranstaltungen vor traditioneller Kulisse verbindet.

Regionale Produkte

„Die haben zuerst alle meine Vorschläge missverstanden“, erinnert sich Christine Bernhard, „schließlich ging es um mehr als eine kleine Straußwirtschaft. Aber da kannten sie meine Zähigkeit noch nicht.“ Zum guten Schluss erfüllte außer ihrem Weingut kein anderer Betrieb den notwendigen innovativen Charakter. Mit der Anschubfinanzierung für das Seminar- und Kulturprogramm konnte sie den Seminarraum und die Küche einrichten, die Holz-Pellets-Heizung installieren und eine zusätzliche Arbeitskraft einstellen. Ohne Förderprogramme, das weiß Bernhard, wären ihre Ideen bereits an der Erhaltung der seit 1985 unter Denkmalschutz stehenden Gebäude gescheitert. Seither hat sie mehr die Rolle der Managerin als die der Winzerin: Ich sehe es nicht mehr allein als meine Aufgabe, ökologischen Wein produzieren, sondem eine ökologische Weinkultur zu verbreiten. Und das hat unendlich viele Aspekte.“

Im renovierten Kuhstall – mit Kreuzgewölbe – findet Kultur statt: Weinproben, Seminare zu Genussthemen, Ausstellungen, Dichterlesungen. Die selbst angebauten Weine und andere ökologische Produkte aus der Region machen den klassischen Kulturbesuch mit den Vorzügen der regionalen Küche bekannt. Den Höhepunkt des Sommerprogramms bilden Veranstaltungen im mehr als hundertjährigen Park, der sich an das Hofgut anschließt. Abends, wenn Lichterketten und Fackeln eine wohlige Atmosphäre verbreiten und Theaterstücke aufgeführt werden, vielleicht Shakespeares Romeo und Julia“, lebt der Garten richtig auf“, schwärmt Christine Bernhard. Wenn dann noch die Glühwürmchen leuchten, fehlt eigentlich nur noch, dass die Elfen hier herumspringen“.

Am 30. September gibt es einen besonderen Grund zum Feiern: Das Weingut Janson Bernhard KGwird mit dem Agrar-Kultur-Preis 2001 der Münchner Schweisfurth-Stiftung ausgezeichnet. Erstmals erhält damit ein ökologischer Weinbaubetrieb die mit 30 000 Mark dotierte Auszeichnung. Die Jury begründet ihre Entscheidung damit, dass das alte Weingut auf vielfältige Weise zur kulturellen Belebung des pfälzischen Winzerdorfes beiträgt und den Kontakt zwischen den Menschen aus Stadt und Land fördert“. Ein weiterer, ebenso hoch dotierter Preis geht an den Kirchhof im nordhessischen Alheim-Oberellenbach.

Handfeste Visionen

Professor Hartmut Vogtmann, Präsident des Bundesamtes für Naturschutz und Sprecher der Jury des Agrar-Kultur-Preises – und der erste deutsche Professor für ökologischen Landbau -, begründet die Entscheidungen mit Blick auf die derzeitige Agrardebatte, dass beide Preisträger überzeugend zeigten, dass eine ökosoziale Wende“ in der Agrarwirtschaft möglich ist. Und: Ohne ökologischen Landbau wird es keine Landwirtschaft mit Zukunft geben.“

Christine Bernhard hat längst weitere Pläne. Sie möchte ein Zentrum für ökologische Weinkultur in Harxheim etablieren, das Seminar- und Kulturprogramm für Besucher ausbauen und einen Lehr- und Forschungsbetrieb einrichten, der Arbeitsplätze schafft und auf dem angewandte Forschung mit Feldversuchen betrieben werden kann. Und sie könnte eine Koordinationsstelle für internationalen ökologischen Weinbau einrichten, die den Austausch der regionalen Weinkulturen fördert.

Platz genug für ein solches Großprojekt hätte sie ja, denn Teile des Hofguts stehen leer. In den letzten Jahren hat sie zudem begriffen: Je mehr man sich auf eine Vision stürzt und sie sich zutraut, umso wirklicher wird sie.“

Weitere informationen unter:
www.ecovin.de
www.schweisfurth.de
www.bfm.de

Agrar-Kultur-Preis

Landschaft geht uns alle an, denn wir alle leben von den Produkten des Landes. Gleichwohl ist in der heutigen Industriegesellschaft der Bezug zum Land und seinen Produkten weitgehend verloren gegangen“, meint der wissenschaftliche Geschäftsführer der Schweisfurth-Stiftung, Manuel Schneider. Obwohl sie lebensnotwendig“ sei, sei die Landwirtschaft den meisten Menschen gleichgültig geworden. Nötig ist ein neues Leitbild für den sorgsamen Umgang mit allem Leben und Lebensnotwendigen, das uns umgibt: mit dem Boden, dem Wasser, der Luft sowie den Pflanzen, den Tieren und uns Menschen. Diese Form einer nachhaltigen Landbewirtschaftung, die die Münchner Schweisfurth-Stiftung seit 1989 mit dem Agrar-Kultur-Preis fördert, hat spezielle Merkmale.

Ökologische Merkmale: umweltverträgliche Bewirtschaftung, Reinhaltung des Wassers und der Luft, Erhaltung der Bodenfruchtbarkeiten, naturgemäße Pflanzen- und Tierzucht, artgemäße Tierhaltung.

Ressourcenorientierte Merkmale: verantwortungsbewusster Umgang mit erneuerbaren und nicht erneuerbaren Ressourcen, Verwendung umweltfreundlicher Energieformen.

Gesundheitliche Merkmale: Erzeugung natürlicher, gesundheitsfördernder Produkte für die Herstellung von Lebensmitteln mit hoher Qualität. Erhalt und Verbesserung des ländlichen Bereichs als Lebensraum und Erholungslandschaft.

Marktstrategische Merkmale: neue Wege der Be- und Verarbeitung sowie der möglichst verbrauchernahen Vermarktung bei regionaler Orientierung und Kooperation.

Ästhetische Merkmale: Verbindung des Nützlichen mit dem Schönen bei der Gestaltung von Haus, Hof und Produktionsanlagen.

Soziale Merkmale: sinnerfülltes Zusammenleben und Zusammenwirken der Menschen im Betrieb, deren soziale Absicherung sowie Integration von Benachteiligten. Erhalt und Verbesserung des ländlichen Raums als Kulturraum.

Politische Merkmale: Zusammenarbeit mit Behörden, Verbänden und wissenschaftlichen Institutionen zur Förderung des ökologischen Wissens. Berucksichtigung der weltweiten Situation der Landwirtschaft.

Kommunikative Merkmale: Dialog mit der 0ffentlichkeit über Konzepte und Beispiele von Agrar-Kultur durch Vorträge, Publikationen und Veranstaltungen.

Pädagogische Merkmale: Initiativen zur Umwelterziehung, Ausbildung von Lehrlingen, Weitergabe ökologischen Wissens.

Ethische Merkmale: Ehrfurcht vor dem Leben und der Natur. Sicherung der Lebensgrundlagen künftiger Generationen.

Mit dem alle zwei Jahre ausgeschriebenen Agrar-Kultur-Preis werden landwirtschaftliche Betriebe oder Gemeinschaften in Deutschland prämiert, deren agrar-kulturelle Gesamtleistung diesem Leitbild am nächsten kommt. Ausgezeichnet werden damit praktikable und praktizierte Modelle, die als Vorbilder dienen können für einen anderen, verantwortbaren Umgang mit unserer natürlichen und sozialen Mitwelt.

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